Heuschrecke

Heuschreckenaufkommen – Bestandsentwicklungen Aussterben oder biblische Plage?

Die aktuelle Studie zeigt nun, wie wichtig die punktgenaue und exakte Dokumentation für Untersuchungen zum Artenwandel und Biodiversitätsverlust sind. Diese können nur durch Spezialisten und naturwissenschaftliche Sammlungen geleistet werden. Das Naturhistorische Museum bewahrt dieses Wissen und diese Dokumentation mithilfe der angegliederten Landessammlung für Naturkunde Rheinland-Pfalz für zukünftige Generationen.

Bundesweit gibt es aktuell 86 Heuschreckenarten. Diese verteilen sich zu etwa gleichen Teilen auf die Gruppe der Langfühlerschrecken, die sich vorwiegend räuberisch ernähren, und die Kurzfühlerschrecken, die hauptsächlich pflanzliche Nahrung aufnehmen. Zu ersterer gehört beispiels¬weise eine unserer größten einheimischen Arten, das Grüne Heupferd. Jeder kennt es und hat bereits in warmen Sommernächten seinem Gesang, der bis zu 100 Meter weit zu hören ist, gelauscht. Zu den Kurzfühlerschrecken gehört beispielsweise der Gemeine Grashüpfer, der zu unseren häufigsten einheimischen Arten zählt und der aufgrund seines leisen Gesangs eher unauffällig ist.

Die Ergebnisse der aktuellen Studie zeigen eine deutliche Zunahme der Artenzahlen bei den Heu¬schrecken. Kamen früher durchschnittlich knapp neun Arten pro Probeflächen vor, sind es heute elf. Dafür werden die Artengemeinschaften auf den verschiedenen Flächen aber immer ähnlicher, man spricht von „Homogenisierung“. Worin liegt diese Entwicklung begründet? Man kann zunächst verallgemeinernd sagen: Heuschrecken sind Klimawandelgewinner. Viele Arten haben sich auf den Weg gemacht, um aus den Tälern kommend auch die Hochlagen von Rheinland-Pfalz zu besiedeln.
Ein Beispiel hierfür ist die Blauflügelige Ödlandschrecke. Kam diese bis 1999 vor allem in Gebieten unter 300 Metern vor, kann man sie heute selbst in den höchsten Gebieten von Rheinland-Pfalz auf über 600 Metern beobachten. Gewinner bei diesen Ausbreitungsprozessen sind vor allem die flugfähigen Arten. Einige, eigentlich kurzflügelige Arten, sind aber auch in der Lage, wenn es im Tal zu voll wird lange Flügel zu entwickeln, um dann auswandern zu können. Beispiele hierfür sind Große Goldschrecke und Roesels Beißschrecke.
Auf der anderen Seite gibt es aber offenbar auch Arten, denen es im Tal zu warm wird und die sich in höhere Lagen zurückziehen. Diese Ausweichbewegung birgt immer das Risiko, dass irgendwann die höchsten Gipfel erreicht sind. Ein weiterer Temperaturanstieg führt dann zum Aussterben.

Die Verlierer unter den Heuschrecken findet man vor allem unter den Arten, welche Magerwiesen und Halbtrockenrasen besiedeln. Dieses Wirtschaftsgrünland wird in den letzten Jahrzehnten zunehmend aufgegeben oder in der Nutzung intensiviert. Im ersten Fall sind es meist unrentable Standorte. Oftmals werden diese Flächen auch aufgeforstet. Nutzungsintensivierung erfolgt in der Regel auf maschinengerecht zugeschnittenen Flächen. Hinzu kommt eine nicht unerhebliche Düngung über die Luft. In diesem Fall wird der Stickstoff als Ammoniak in die Lebensräume ein¬getragen und führt zur Eutrophierung und Versauerung. Eine Verliererin dadurch ist die Zweifarbige Beißschrecke, die 23 % der früher besiedelten Flächen geräumt hat.

Zum Teil sind die Zusammenhänge aber auch komplexer. Manche Arten würden eigentlich von der steigenden Temperatur profitieren, finden aber keine neuen, geeigneten Lebensräume und sind stellenweise sogar mit dem Verlust ihrer jetzigen Lebensräume konfrontiert.
Und dann gibt es noch die Neuzuwanderer – Arten, die man vor dem Jahr 2000 noch nicht in Rheinland-Pfalz finden konnte. Beispielsweise die Vierpunkt-Sichelschrecke und die Große Schiefkopfschrecke. Beide Arten sind aus dem Süden eingewandert. Ausgestorben ist hingegen keine Art im Untersuchungszeitraum.

Und nun die „biblische Plage“? Schäden in biblischem Ausmaß, verursacht durch Heuschrecken, hat es in Rheinland-Pfalz wohl nie gegeben. Von der Italienischen Schönschrecke berichtete man Anfang des 20. Jahrhunderts zwar noch, dass es in den Sandgebieten zu Massenvermehrungen gekommen sei und die Art Schäden an Kartoffeln angerichtet hätte, doch dramatisch waren diese wohl nicht. Zwischen 1986 und 1999 gehörte diese Art dann zu den seltensten Heuschrecken in Rheinland-Pfalz. Aktuell breitet sie sich wieder stark aus – auf Kartoffeläckern wurde sie bislang jedoch noch nicht wieder beobachtet.

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