Mittwoch, Juni 3, 2020

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Forschung zu Bike Offenbach weist hessenweit neue Wege

Die Fahrradstraße kommt in Offenbach als Idee und Konzept gut an – das gilt auch für die meisten Autofahrenden. Allerdings fühlen sich viele Verkehrsteilnehmer auf der Teststrecke nicht sicher. Das sind zentrale Ergebnisse einer quantitativen Befragung, die interdisziplinär arbeitende Teams der Frankfurter Goethe-Universität und der Hochschule für Gestaltung (HfG) anlässlich des Projekts Bike Offenbach realisiert haben. Die Forschungsarbeit ist Teil der hessenweiten Exzellenzforschung (LOEWE) und hat damit Bedeutung über die Stadtgrenzen hinaus. Erkenntnisse aus der Umfrage fließen jetzt in die konkrete Projektplanung ein.

„Der schnelle Ausbau des Radverkehrs in Offenbach wird gerade in Zeiten der offensichtlichen Klimaveränderung immer wichtiger“, betonte Planungs- und Verkehrsdezernent Paul-Gerhard Weiß am 8. August 2019 bei der Vorstellung der Ergebnisse. „Auch angesichts unserer wachsenden Stadt brauchen wir eine neue Mobilität, um den Verkehrskollaps zu vermeiden, Staus zu reduzieren und die Lebensqualität im Wohnumfeld zu verbessern.“ Die Auswertung der Befragung bringe das Projekt Bike Offenbach und dessen Akzeptanz nun weiter voran.

Offenbach als bundesweiter Vorreiter

Den Förderantrag für den Ausbau der Fahrradstraßen hatte Offenbach bereits 2017 gestellt. „Mit diesem Antrag für ein ganzes Netz von Fahrradstraßen war die Stadt bundesweit Vorreiter, was unser Interesse geweckt hat“, berichtete Dr. Annika Busch-Gertseema von der  AG Mobilitätsforschung der Goethe-Universität in Frankfurt. „Zu Fahrradstraßen und deren Gestaltung gibt es bis dato nahezu keine Forschungen“, erklärte die Humangeographin. „Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Stärkung von Nahmobilität in Städten stellen solche Maßnahmen bedeutende Bausteine dar, deren Akzeptanz und Wirkung wir herausfinden möchten. In Offenbach bietet sich mit der Einführung dieser Fahrradstraßen die Möglichkeit, eine solche Intervention zu erforschen, noch während sie sich in der Umsetzung befindet. So kann die Stadt unsere Forschungsergebnisse in der Praxis nutzen.“

Damit wurde Bike Offenbach zum Gegenstand eines zweisemestrigen Forschungsseminars mit 16 Studierenden, in dessen Rahmen auch die Befragung stattfand. Erhoben wurden im Frühjahr 2019 die Haltung zu und Erfahrungen mit der Fahrradstraße, aber auch das Mobilitätsverhalten und individuelle Einstellungen zu den verschiedenen Verkehrsmitteln insgesamt. Für die Umfrage erarbeitete die Hochschule für Gestaltung (HfG) Offenbach gemeinsam mit dem Planungsteam Bike Offenbach mehrere Designvorschläge für die Fahrradstraßen, von den Markierungen bis hin zur grundsätzlichen Gestaltung. Zu den Entwürfen von Dipl-Des. Janina Albrecht, HfG-Designerin im Fahrradstraßenprojekt, konnten die Befragten ebenfalls ihre Meinung äußern.

Von den rund 4.000 Fragebögen, die das Team der Goethe-Universität im Senefelder Quartier und in der Offenbacher Innenstadt verteilt hatte, kamen 704 zurück – für Andreas Blitz, wissenschaftlicher Mitarbeiter der AG Mobilitätsforschung, „eine gute Rücklaufquote“. Da der Anteil der antwortenden Personen mit Migrationshintergrund aber deutlich geringer war als ihr Anteil an der Bevölkerung, könne man nicht von gänzlich repräsentativen Ergebnissen sprechen. 

Die Auswertung zeigt zunächst, dass fast alle Befragten (96 Prozent) Fahrrad fahren können und das Verkehrsmittel ihnen zu 75 Prozent jederzeit zur Verfügung steht (weiteren 10 Prozent gelegentlich). 60 Prozent nutzen das Rad im Sommer regelmäßig, im Winter gilt das nur für 31 Prozent. „Hier besteht noch Steigerungspotenzial“, meinte Blitz. Elektro- und Lastenfahrräder sind bisher kaum verbreitet, ein künftiger Anstieg ist allerdings zu vermuten.

Fahrradstraße ist klar erkennbar ­– aber viele fühlen sich unsicher

Das Konzept der Fahrradstraßen war im Senefelder Quartier rund 90 Prozent der Befragten ganz oder teilweise bekannt, im Vergleichsgebiet der Innenstadt galt dies für 72 Prozent. Grundsätzlich finden mehr als 70 Prozent die Idee der Fahrradstraße gut. „Das gilt auch für fast zwei Drittel der Menschen, die häufig Auto fahren“, so Blitz; bei den Radelnden sind es 83 Prozent. Direkt vor Ort sind einige aber nicht überzeugt: Entlang der Teststrecke auf der Senefelderstraße halten immerhin 16 Prozent die Fahrradstraßen für keine gute Idee. Dass diese Verkehrswege die Sicherheit für die Radelnden erhöhen, meinen dort auch nur knapp die Hälfte der Befragten – im Vergleich zu 81 Prozent in der Innenstadt.

Dass die Fahrradstraße als solche deutlich erkennbar ist, finden 74 Prozent. Subjektiv sicher fühlen sich dort jedoch nur 37 Prozent und 73 Prozent haben das Gefühl, dass Autos dort oft schneller unterwegs sind als mit den erlaubten 30 Stundenkilometern. Daher werden künftig auch Kontrollen in der Fahrradstraße stattfinden.

Insgesamt sind 40 Prozent der Befragten mit der Umsetzung der Fahrradstraße zufrieden, jede(r) Dritte allerdings stimmte dieser Aussage nicht zu. Um deren Gestaltung zu optimieren, hatte die HfG Abbildungen für den Fragebogen entwickelt. Für die konkrete Planung waren dem Amt für Stadtplanung, Verkehrs- und Baumanagement und dem Planungsteam Bike Offenbach insbesondere die Frage hinsichtlich der Markierungen wichtig, die den Sicherheitsabstand zu den parkenden Autos („dooring zone“) anzeigen.

Dabei zeigt sich klar, dass die schräge Schraffur am positivsten abschnitt. Bei der farblichen Gestaltung ging das Meinungsbild auseinander – allerdings galt die rote Variante klar als die am deutlichsten erkennbare. „Das entspricht unserer Entscheidung, auch die anderen Fahrradstraßen rot zu markieren“, sagte Bike Offenbach-Projektmanager Ulrich Lemke von der OPG Offenbacher Projektentwicklungsgesellschaft mbH aus dem Geschäftsfeld Immobilien der Stadtwerke-Gruppe. Die schräge Schraffur zur Ausweisung der „dooring zone“ werde künftig ebenfalls umgesetzt.

„Für uns war die Umfrage eine gute Gelegenheit, um Gestaltung messbar zu machen“, betonte Peter Eckart, HfG-Professor für Design. „Schließlich soll Gestaltung den Realraum nicht nur verschönern ­– sie muss auch funktionieren.“ Wie Eckart erläuterte, ist die gemeinsame Forschungsarbeit im Rahmen der Landes-Offensive zur Entwicklung Wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz – kurz: LOEWE – Teil eines Förderprogramms, mit dem das Land Hessen wissenschaftspolitische Impulse setzen und die Forschungslandschaft stärken will. Der LOEWE-Schwerpunkt Infrastruktur – Design – Gesellschaft (kurz: project-mo.de) konzentriert sich auf die möglichst umweltfreundliche Mobilität des Einzelnen im Verhältnis zum Verkehrssystem und zu dessen Infrastruktur. „Nun werden unsere Forschungsergebnisse hessenweit beachtet und sogar international publiziert“, sagte Eckart.

Projektmanager Lemke freut sich über die neuen Impulse aus der Forschung: „Ich möchte mich bei allen Beteiligten für die sehr gute, inspirierende Zusammenarbeit bedanken.“  Die wissenschaftliche Begleitung rund um Fahrradstraßen sei wichtig, um hierzu mehr über Verhalten und Einstellungen der Bevölkerung zu erfahren. Zudem habe die HfG gemeinsam mit dem Stadtplanungsamt und den Fachleuten von Bike Offenbach auch eine Musterlösung für die Knotenpunkte einer Fahrradstraße entwickelt: „Diese Gestaltung werden wir noch in diesem Jahr in der Taunusstraße und der Von-Behring-Straße umsetzen“, kündigte Lemke an. Die Motivation ist größer denn je – denn wie die Befragung abschließend zeigt, fährt gut ein Drittel der Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Offenbach gerne Fahrrad, aber nur jede(r) Zehnte hält die Stadt für fahrradfreundlich. „Da ist noch viel Luft nach oben, um die Stadt neu zu erfahren“, unterstrich Stadtrat Weiß.

Zum Projekt: Bike Offenbach – eine Stadt neu erfahren

Um die Menschen zum Umsatteln zu bewegen, muss die Infrastruktur stimmen. Offenbach macht hierfür den (Rad-)Weg frei: Dank des Projekts Bike Offenbach lässt sich die Stadt bald ganz neu erfahren. Bis 2021 entstehen neun Kilometer Fahrradstraßen, die das Stadtgebiet und das Umland neu erschließen. Auf den Fahrradstraßen gilt maximal Tempo 30 für alle, zudem dürfen Radler nebeneinander fahren. Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) hat im Frühjahr 2018 die Mittel für das Verbundprojekt Fahrrad-(straßen)-stadt Offenbach – genannt Bike Offenbach – bewilligt und stellt dafür rund 4,53 Millionen Euro aus den Mitteln der Nationalen Klimaschutzinitiative zur Verfügung. Verbundpartner ist die Stadt Neu-Isenburg, die ebenfalls eine Förderzusage bekam. Die Gesamtkosten des über die Region hinaus wegweisenden Projekts liegen bei rund 5,95 Millionen Euro. Die Projektentwicklungsgesellschaft OPG aus dem Geschäftsfeld Immobilien der Stadtwerke-Gruppe ist von der Stadt Offenbach mit dem Projektmanagement für Bike Offenbach beauftragt. www.bikeoffenbach.de.

Quelle: Pressemeldung der Stadt Offenbach am Main – Foto: Janina Albrecht / Hochschule für Gestaltung

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